(nach Aski Elber: We the town)
Unsere Träume sind grenzenlos.
Morgens weckt uns dann
das Geräusch über Nacht veralteter Stadtpläne, die der Wind über frischen
Asphalt schleift.
Unterm Fenster ist ein
Orientierungspunkt eingerichtet worden. Junge Geschäftsleute warten auf
Orientierung und erhalten Kugelschreiber, die sie zweifelnd betasten.
Die Stadt, ein sozialer Organismus, lebt von Veränderungen
und vom Mitmachen.
Ich schlüpfe in unauffällige Stoffschuhe und marschiere
einfach drauf los, über Straßen und Grundstücke. Um ordentlich voranzukommen,
muss ich dabei ständig die Perspektive wechseln, ständig die mich berührende
Stadt zurechtrücken.
Was für ein herrlicher Aprilmorgen.
In der Straße der Schwerindustrie braten sie dick mit Salz
eingeriebene Fische.
Polizisten lächeln, weil sie dafür bezahlt werden.
Wir erkennen uns an winzigen Details, die nicht
abgesprochen sind und sich niemals wiederholen, nach außen hin Missgeschicke,
die wir stillschweigend hinnehmen.
Aus der Passage gegenüber tritt eine liebe Freundin,
winkend. Ihr T-Shirt trägt den Aufdruck: "Ihr seid die anderen!"
Demonstrativ starre ich in den grenzenlosen Himmel und
beschleunige meine Schritte, deren Klang aufgezeichnet, bearbeitet und
übertragen wird: zur Berieselung der Ladenzeilen unter den Barrikaden.
Der Fortschritt geht weiter.
Auf dem Großen Platz läuft eine Information zum neuen
Farbkode der U-Bahnen.
Die Fahrgäste in den Wagen der roten Linie schwitzen,
furzen und lachen, kleckern mit fettigen Saucen, stoßen sich die Ellenbogen in
die Rippen, spucken aus, brüllen Kommentare, gröhlen und schimpfen, kotzen dem
anderen über die Hose.
Die Fahrgäste in den Wagen der blauen Linie lauschen
gedämpfter Computermusik und vermeiden jeden Blickkontakt.
Die Züge der schwarzen Linie verkehren kaum; zu einer
frühen Morgenstunde fährt einer in einer entlegenen Station ein, die Fenster
verspiegelt, aus dem Inneren dringt kein Laut.
Dann kommt Politik, und ich spüre die ersten Regentropfen.
Abwärts.
Auf dem Spielplatz am Rattenweg improvisieren wir ein
Kolloquium zur Stadtentwicklung, mit Leidenschaft und Zitaten.
Topografie, Topologie: Die Stadt ist Operator wie Operand.
Unter einer geeigneten Transformation werden Innenbezirke
zu Außenbezirken, während die bisherigen Außenbezirke in einem neuen Zentrum
zusammenfallen, an dessen unsichtbaren Schnittkanten Vorsicht geboten ist.
Vor dem Sanitätszelt gibt es Branntwein für die
Versehrten.
Ich erwäge kurz, eine Markierung zu sprayen, aber es
warnen bereits so viele Markierungen vor verschiedenen Gefahren, dass man sie
nur noch in ihrer Gesamtheit wahrnimmt, von den Hängenden Gärten aus
betrachtet, bei klarer Sicht: ein zackiges Knäuel ähnlich den drippings
Jackson Pollocks.
Wir sind keine Bevölkerungsgruppe, wären aber gerne eine.
Der Markt der Möglichkeiten ist geschlossen worden. Am
Rollgitter hängt die Kopie einer Verordnung, welche "mit sofortiger Wirkung"
das gesamte Stadtgebiet zum Markt der Möglichkeiten erklärt.