WIE ICH ENDE DER ACHTZIGER MEIN GLÜCK MACHTE
(AUSZUG AUS MEINEM LEBEN)
Irgendwann Ende der Achtziger klingelte bei mir das
Telefon. Am Apparat war Armin Paucke persönlich. Ohne Umschweife fragte er, ob ich
nicht Lust hätte, nach Bielefeld zu kommen. Kein Scherz. Alles sei soweit
vorbereitet, es fehle nur noch meine Zusage, dann könne man Nägel mit Köpfen
machen. Gut, er verstehe, dass das etwas plötzlich käme, natürlich solle ich es
mir gut überlegen, aber nicht zu lang.
Bielefeld galt als das Mekka der späten Achtziger. Eine
Aufzählung all derer, die damals in Bielefeld waren, würde hier den Rahmen
sprengen. Jedenfalls war mir klar, dass ich dort, selbst mit Armin Paucke im
Rücken, zunächst einmal nur einer unter vielen wäre.
Ich wandte mich an meinen langjährigen Freund und Mentor
Alfred Olim, einen alten Hasen, der alles und jeden kannte, den
unerschöpflichen Quell und Gegenstand zahlreicher Anekdoten, in denen es an
berühmten Namen niemals mangelt. Die folgende ist zwar historisch nicht belegt,
dafür aber um so typischer:
Einmal fragte der junge Logiker Kurt Gödel den alten Hasen
Alfred Olim, wie dieser es geschafft habe, Gegenstand so vieler Anekdoten zu
werden, worauf Alfred Olim antwortete: "Durch Repliken wie diese."
Olim führte den Fall Paul Reims an, den ich ja selbst
erlebt hatte: Paul Reim war als blutjunger Mensch nach Würzburg gegangen, wo er
vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekam. Würzburg war sozusagen das Bielefeld
der frühen Siebziger. In Würzburg trafen sich Burkhard Randow, E. Schmitt und
Paul Welten zur Jour Fixe im "Bielefelder Hof". Das alles beeindruckte Paul
Reim dermaßen, dass er auf eine eigene Entwicklung verzichtete. Statt dessen
gab er sich damit zufrieden, Paul Welten zu kopieren, worin er seine solche
Perfektion erlangte, dass sich Paul Welten schließlich überflüssig vorkam und
in einen künstlerischen Beruf abwanderte. Ein schwerer Schlag für Paul Reim,
dem nun die Impulse fehlten. In dieser Situation begegnete er Jörg Kottenforst.
Kottenforst galt als unnachahmlich. Reim nahm die Herausforderung an. Nun hieß
meine Herausforderung Bielefeld. Würde ich sie annehmen?
Olim nickte und kicherte. "Schwarzfahren kostet nix.", und
schon saßen wir im Zugabteil. Dem Schaffner erzählten wir zwei Anekdoten mit
Paul Scheerbart. Vom Bielefelder Hauptbahnhof ging es dann per Taxi zu Armin
Pauckes Wohnung, einer winzigen Dachkammer, vollgestopft mit Armin Paucke und
einem jungen Mann, dessen Namen wir noch nie gehört hatten.
"Markus Meier.", sagte Armin Paucke.
Man muss sich vor Augen halten, dass Markus Meier damals
noch praktisch unbekannt war. Erst Anfang der Neunziger schlüpfte er in den
berühmten Kammgarnanzug, der dann sein Markenzeichen werden sollte. Fortan
erzielte sein Bekanntheitsgrad jährliche Zuwachsraten von über vierzig Prozent.
Ende 1995 kannte jeder erwachsene Bildungsbürger im statistischen Mittel 1,9
Markus Meier, der sich nach Bekanntgabe dieser Zahl sofort auf die Suche nach
seinem rechnerisch notwendigen Namensvetter machte. Dazu bediente er sich des
auf CD-ROM gespeicherten Verzeichnisses aller Fernsprechteilnehmer der
Bundesrepublik Deutschland. Auf dem Bildschirm erschien:
Markus Meier
(zwei), Balthasar-Neumann-Promenade 158, 33607 Bielefeld
Markus Meier (eins) stutzte. Dieselbe Adresse stand in
seinem Notizbuch unter dem Namen Armin Paucke. Obwohl es einige Jahre her war,
erinnerte er sich gut an unser damaliges Zusammentreffen, war es doch seine
erste persönliche Begegnung mit Leuten wie Armin Paucke oder Alfred Olim gewesen.
Auch ich galt - in aller Bescheidenheit - keineswegs als unbeschriebenes Blatt.
Alles, was Markus Meier vorzuweisen hatte, damals, war Armin Pauckes in der Bahn
liegengelassenes Who-is-who.
Aus Platzgründen verlegten wir dann das Treffen in die
Bielefelder Fußgängerzone. Alfred Olim ließ die frühen, mittleren und späten
Fünfziger, Sechziger, Siebziger und Achtziger Revue passieren. Der Strom der
Passanten war überwältigend. Unaufhörlich grüßten Paucke und Olim jemanden,
winkten einem anderen zu, zeigten auf einen Dritten und flüsterten die Namen.
Markus Meier bemühte sich redlich, alle nachzuschlagen, lag aber schon nach
wenigen Minuten hoffnungslos zurück. Und während ich dabei scheinbar völlig
unbeeindruckt auf meiner Handelsgold kaute, hatte Armin Paucke längst
mein Okay in der Tasche.
So wurde ich Bürger von Bielefeld und blieb es sieben
Jahre lang, bis die Stadt ihre Bedeutung verlor und durch das Internet abgelöst
wurde. In diesen sieben Jahren feierte ich vierzehn meiner zwanzig größten
Erfolge.
Nachschrift vom Anfang der Nuller. -
Nachdem ich lange nichts mehr aus Bielefeld gehört habe, erreicht mich heute
als Nachsendung eine Reklame des Herrenausstatters Goetzen. Im Zentrum der
Hochglanzbroschüre steht die Abbildung zweier Herren im Kammgarnanzug. Obwohl die
Dressmen nicht besonders ähnlich sind, erkennt man unschwer die berühmte Szene
nachgestellt, die sich im Treppenhaus der Balthasar-Neumann-Promenade 158
tatsächlich so ereignet hat: Markus Meier trifft Markus Meier.
Dass man den einen Markus Meier früher als Jörg
Kottenforst kannte, ist inzwischen Allgemeingut geworden. Weniger bekannt ist
jedoch, dass es sich bei Jörg Kottenforst in Wirklichkeit um Paul Reim handelt.
Der echte Jörg Kottenforst ist am 18. November 1981 in Vergessenheit geraten.
Seinen Namen habe ich frei erfinden müssen.