1. DER LÄSSIGE LESER
Allmorgendlich rasselte die dicke Weckuhr den jungen Ernst Spatz, seines Zeichens Energieanlagenelektroniker, aus allen Träumen. Dann war es höchste Zeit, und der ganze bescheidene Eigenbau duftete nach echtem Röstkaffee. Gegenüber versah die Mutter das Schwarzbrot mit einem frischen Aufstrich. Auch der alte Spatz hatte sich eingefunden – stak doch in des Ruheständlers Knochen noch die Gewohnheit langer Erwerbsjahre. Bald würde im nahegelegenen Kraftwerk zur Schicht geläutet. Den Aufbruch der beiden Männer, mit gefüllten Thermoskannen und Brotboxen, begleiteten freundliche Ermahnungen für den anbrechenden Tag. Diesen schaltete Ernst Spatz in einem Kabelverhau, während der alte Spatz gleich vor dem Kraftwerkstor umschwenkte und als wohlverdienter Rentner heimkehrte.
Zum Feierabend vor der behaglich flimmernden Mattscheibe
nahm man gerne einen guten Lesestoff in die Hand: Auf dem Schrank stand neben
den Bedienungsanleitungen für Fernsehapparat, Kühlschrank und Waschmaschine
stets der letzte Jahrgang des "Verbesserten Fraktalkalenders" bereit.
Das bekannte Organ versorgt den Haushalt nicht nur mit den
neuesten Nachrichten des vergangenen Jahres, gliedert das laufende in Monate,
Wochen und Tage, enthält sich auch nicht der Voraussagen auf das künftige,
verzeichnet getreu bewegliche und unverrückbare Feste, Märkte und Messen, den
Gang der Gestirne, Ankunft und Abgang der Omnibusse, Jubiläen, Ziehungen,
Sperrgut- und Abwassertage, bietet darüber hinaus Unterricht in vielfachen
Materien, erprobte Querverweise, Zusatzzahlen, Regeln, weitläufige
Informationen wie "in der Qyzylqum wird Gold abgebaut und Erdgas gefördert",
und dass es sich um eine Wüste in Kleinasien handelt, Zinstabellen, Reime und
Rätselsprüche, Hinweise aus der Bevölkerung, Disputationen und
Detailspezifikationen, nicht weniger als siebzehn Farbtafeln, sowie ein pralles
Inhaltsverzeichnis, dem seines Umfangs wegen ein eigenes Inhaltsverzeichnis
vorangestellt werden musste, sondern präsentiert sich obendrein als ein bunt
lackiertes Schatzkästlein voll ebenso spannender wie lehrreicher
abenteuerlicher Geschichten.
Der junge Ernst verschlang die abenteuerlichen Geschichten
wie gesalzene Nüsse und von 1 bis n, aber eben doch nur zur Hälfte. Denn er
gehörte zu jenen, heute leider gar nicht seltenen Lesern, die in ihrer
Begierde, dem Handlungsfaden möglichst zügig nachzukommen, die belehrenden
Einschübe achtlos überfliegen und auch die abschließende Moral nicht recht
bedenken. Hierin verfahren sie wie ein Kraftfahrer, der von den Pedalen "Gas"
und "Bremse" beständig nur das erste tritt; statt dessen kommt er schließlich
im "Verbesserten Fraktalkalender" zum Stehen, unter der Rubrik „Karambolagen“.
Ebenso fehlt der lässige Leser; statt seine Erkenntnis der Welt aufzubessern,
verursacht die rasche Lektüre eine Entzündung der Phantasie. Die Folgen sind
oft nicht weniger bedauerlich als die des Zusammenpralls.
Ohne sich jemandem zu offenbaren, träumte der junge Mann
davon, Eigenbau und Kabelverhau den Rücken zu zeigen, in die Ferne zu laufen,
Städte und Länder zu sehen, Beatle oder Punker zu werden, in abenteuerlichen
Geschichten vorzukommen, auf den Bollwerken zu flanieren, in zerrissenen
Jeanshosen die Welt zu erobern.
2. UNERWARTETER BESUCH
Um Solingen herum verschaffte sich ein junger Mann mit
gefälschten Lieferscheinen überall Einlass. Er schickte seine Opfer um ein Glas
Sprudel ins Nebenzimmer, um in der Zeit über 100000 Mark Bargeld und Gegenstände
für 22000 Mark einzunehmen. Einer Köchin, die ihn dabei überraschte, stieß er
ein Messer in die Brust. Am selben Tage wurde er gefasst und gerichtet. In
manchen Gegenden ist es üblich, bei Abwesenheit hundert Mark auf dem Tische
liegen zu haben, damit nicht enttäuschte Einbrecher alles in Stücke schlagen.
Aus Münster wird gemeldet, wie ein vorgeblicher "Glücksbote" sich als
Raubmörder entpuppte. Es fehlten 26000 Mark Bargeld und Gegenstände für 5600
Mark, dazu kamen 1800 Mark an Reinigungskosten.
Kein Wunder also, dass die Haustüren belesener Leute mit
einem Guckloch versehen sind, und Unbekannte gleich den Rückweg antreten
dürfen. Der Herr freilich, den der alte Spatz und seine Frau an jenem Vormittag
durchs Guckloch erblickten, war für keine zwei rote Pfennige unbekannt, fehlt
doch in keiner Ausgabe des "Verbesserten Fraktalkalenders" eine bebilderte
Beschreibung seines Lebens, von den Vorzeichen der Geburt bis zu den Umständen
ihrer Überarbeitung für den vorliegenden Jahrgang.
In den Augen des treuen Lesers ersteht sofort eine
aufrechte Gestalt, in englisches Tuch gehüllt, mit hoher, weißer Stirn, tiefem
, klarem Blick und einem wuchtigen Kinn. Dass vom Herausgeber und Ersteller des
"Verbesserten Fraktalkalenders" die Rede ist, füge ich nur hinzu, um den
Bericht zu vervollständigen.
Die guten Spatzen hielten den Atem an, schien es ihnen
doch so, als sei der Kalendermann geradewegs aus seinem Kalender gestiegen.
Erst nach einigen Sich-Kneifen und Augenreiben erkannten sie an, dass das
scheinbare Trugbild aus wahrhaftigem Fleisch und Blut bestand. Mit zitternder
Hand löste der alte Spatz den Riegel und öffnete die Türe. Der fraktale
Kalendermann grüßte recht freundlich und trat ein.
"Liebe Leser, ", hob er an, und schlug ein Gläschen Likör
in Ehren nicht aus, "Ihr habt doch einen Sohn."
"Unseren Ernst, Herr Kalendermann, der schaltet jetzt im
Kraftwerk."
"Es wird ihm doch nichts zugestoßen sein?"
"Keine Sorge, Mutter Spatz. Justament werkt er nämlich
munter und mit heilen Gliedern im Kabelverhau. Und damit das auch so bleibt,
bin ich gekommen. Ihr müsst nämlich wissen, dass unter den jungen Leuten eine
unsichtbare Krankheit ausgebrochen ist."
Der fraktale Kalendermann berichtete vom lässigen Lesen
und seinen primären und sekundären Folgen. Die Unterwiesenen wechselten
besorgte Blicke. Hatte der Ernst nicht neulich im Schlafe "Jäh, jäh, jäh!"
gemurmelt?
"Um Abhilfe zu schaffen, habe ich eine neue Art
abenteuerlicher Geschichte entwickelt, in die man mit Haut und Haaren
eintaucht. Und ebenso wenig wie man im wachen Leben auch nur den Bruchteil
einer Sekunde zu überspringen vermag (beim Zahnarzt erweist es sich!), gelingt
es hier dem Leser, einen einzigen Buchstaben auszulassen, denn diese Art
abenteuerlicher Geschichte verhaftet alle seine Sinne. Die Belehrung tritt ihm
in den Weg wie ein Revolvermann."
Mit diesem unfehlbaren Mittel, so versprach der fraktale
Kalendermann den dankbaren Alten, werde er ihren Ernst auf einen geraden Pfad
zurücksetzen, die ungeraden und gewundenen aber mündeten alle in die Penny Lane.
Zum Abschied und als Zeichen dafür, dass sie nicht geträumt hatten, schenkte er
ihnen zwei Tassen, die mit dem beliebten Apfelmännchen bedruckt waren, wie es
die halbe Welt vom Titelblatt eines berühmten Kalenders kennt.
3. ERSTE DISPUTATION BEI TSCHIBO ODER EDUSCHO
Eines Nachmittags waren bei Tschibo oder Eduscho so acht
bis zehn Personen versammelt, als unter ihnen eine lebhafte Disputation
entbrannte.
"Meine Frau ist Zeuge, dass ich ihn mit eigenen Augen gesehen
habe.", beteuerte der alte Spatz, "Er ist leibhaftig in unserer Stube gestanden
und hat aus meinem Schnapsglas Likör getrunken."
"Wer den Likör aus der Flasche trinken musste, hören wir
wohl.", spottete der dicke Müller.
"Die Tassen bekommt man bequem per Post", bemerkte Herr
Adam trocken, "Steckt doch der 'Verbesserte Fraktalkalender' voller
Bestellscheine. Ich verweise auf Seite 85."
"Nennt ihr mich einen Lügner?"
"Errege dich nicht. Jemand hat sich mit dir einen
Kostümscherz erlaubt. Der fraktale Kalendermann ist eine bloße Symbolgestalt,
wie Vater Staat oder der kleine Mann, der immer der Dumme ist."
"Nun kann eine bloße Symbolgestalt schwerlich einen
soliden Kalender erstellen.", gab einer zu bedenken.
"Den erstellt eine heimliche Kommission", wusste der dicke
Müller.
"Und die bebilderte Lebensbeschreibung wäre demnach pure
Invention? Nein! So viele Einzelheiten, die vollkommen ineinandergreifen wie
die Bestandteile eines Uhrwerks - selbst dem geschicktesten Historienschmied
wäre bei einer derart komplexen Konstruktion der eine oder andere Widerspruch
unterlaufen."
"Aber die Jahrgänge widersprechen sich durchaus! Einmal
führt er das Gespräch mit den Punkern vor dem Kaufhaus, dann wieder auf dem
Kaufhaus. Im nächsten Jahr soll es nur noch ein Punker gewesen sein, dann
wieder zwei. Solche Abweichungen finden sich in der Lebensbeschreibung viele."
"Welche nur auf ihre Wahrhaftigkeit hinweisen. Denn wäre
alles ausgedacht, hätten die unbenannten Erfinder, um sich gar nicht erst
widersprüchlich zu entlarven, Jahr für Jahr am einmal Erklügelten festgehalten.
Besagte Abweichungen aber sind die charakteristischen Unschärfen wirklicher
Lebenserinnerungen. Dabei vertrete ich nicht, dass solche Unschärfe tatsächlich
im Gedächtnis des fraktalen Kalendermanns hafteten, vielmehr, dass er sie in
der Art eines Fotografen gebrauche, der mittels eines künstlich verschwommenen
Hintergrunds die Züge des Porträtierten um so klarer hervortreten lässt."
"Gesicht und Gestalt waren wir aus dem Kalender
gerissen.", bestätigte der alte Spatz.
"Den Kniff mag aber ebenso gut ein Erfinder verwenden, der
gar nicht auf Täuschung aus ist, wodurch er auch keine Entlarvung befürchten
kann, und der statt dessen ein ideales Kunstwerk vorsetzen möchte, das sich dem
Publikum gleich als solches zu erkennen gibt."
"Nun erkennt man ein echtes Kunstwerk an der Signatur, die
den Urheber bezeichnet. Unter der bebilderten Lebensbeschreibung aber steht
eine Unterschrift, die ist gleich der Überschrift, die da lautet: ' Der fraktale
Kalendermann'."