DER KLEINE EISKRISTALL
Ein Mann hatte drei
Söhne, und es kam ein harter Winter über das Land, und der Mann sprach zu
seinen Söhnen: "Meine lieben Söhne, das Thermometer hört nicht auf zu fallen,
bald langt uns der Rauhreif in die gute Stube, und wir werden jämmerlich
erfrieren, wenn nicht einer von euch, ein Freiwilliger, besser noch alle drei,
sich aufmachen zum fernen Außenlager, um gerade noch rechtzeitig Kohlen zu
besorgen." Nachdem der Vater seine Rede geendigt hatte, meldete sich der
älteste seiner Söhne zu Wort und sprach vom harten Winter, der über das Land
gekommen war, vom bitteren Frost und von der Notwendigkeit, und vom fernen
Außenlager, wo noch Kohlen lagerten. Der Vater und die Brüder nickten
bedächtig. Unterdessen kam ein kleiner Eiskristall in die Stube geweht und
verbarg sich, während man den Ausführungen des mittleren Sohnes lauschte,
zwischen den Dielen und lauschte mit. Endlich schilderte der Jüngste in
leuchtenden Farben die klirrende Kälte und die geheimnisvolle Macht des Winters,
der fließendes Wasser in feste Blöcke aus weißem und blauem Eis - hier spitzte
der kleine Eiskristall gehörig die Ohren, die natürlich auch aus Eis waren und
sich auch sonst von den Ohren der Menschen oder irgendeines Tieres gründlich
unterschieden, nur nicht darin, dass sie natürlich auch in gewisser Weise der
akustischen Wahrnehmung dienten, andernfalls wäre ihre Bezeichnung nicht allein
willkürlich, so wie wenn sie Manderawen oder Palusi hießen, sondern darüber
hinaus grob missdeutig und auf einen falschen Pfad lenkend, wie ihm der mittlere
Sohn Schritt für Schritt, sein treues Ross war bereits der Witterung zum Opfer
gefallen, nachkam, ohne freilich zu ahnen, dass dabei das ferne Außenlager,
statt näher zu rücken, sich im entgegengesetzten Sinne immer weiter in der
Ferne verlor, bis es völlig aus seiner Erinnerung verschwunden war.
Gleichzeitig hielt sich der Älteste auf einem anderen falschen Pfad, wobei er
zwar nicht, wie sein mittlerer Bruder, immer weiter vom Ziel, dem fernen
Außenlager, wo noch Kohlen lagerten, abkam, sich aber anderseits demselben auch
keinen müden Schritt annäherte, so dass er in der Tat auf einer vollkommenen
Kreisbahn wandelte, deren Wesen sich ihm aber nicht erschloss, denn der Winter
hatte die Landschaft eintönig gemacht, und der Umfang betrug viele, viele
Meilen, die zu Fuß abgeschritten werden mussten, denn sein treues Reittier war
an einem Punkt den extremen Minustemperaturen erlegen, und so erreichte er alle
paar Tage den Kadaver, den er jedes Mal als einen anderen betrachtete, denn er
berücksichtigte nicht, dass die Kälte der Verwesung Einhalt geboten hatte. Sein
mittlerer Bruder indessen marschierte immer weiter, bis er in den Polarkreis
eintrat und schließlich an den Nordpol gelangte, wo helle Aufregung herrschte.
Der Jüngste aber war entgegen dem Wunsch des Vaters daheim geblieben, wo er mit
einem blauen und am Dielenboden festgefrorenen Ohr den Erzählungen des kleinen
Eiskristalls gelauscht hatte.